Menschen führen - Leben wecken


Wertorientiert führen nach den Regeln des Heiligen Benedikt mit Pater Anselm Grün

Werte zu haben heißt, sich und andere gleichermaßen zu respektieren. Auch in der Geschäftswelt gewinnen Werte immer mehr an Bedeutung, weil sie der eigentliche Schlüssel zum Erfolg sind. „Erst wenn ich Werte schätze, werde ich auf Dauer auch finanzielle Werte schöpfen“, sagt Pater Anselm Grün. Denn echte Wertschöpfung statt kurzfristiger Gewinnmaximierung gelingt nur, wenn Werte ein fester Bestandteil der Unternehmenskultur sind. Wertegemeinschaften wie die der Benediktiner sind dabei wertvolle Inspirationsquellen und Impulsgeber.
Wie Sie die bewährten Führungsgrundsätze des Heiligen Benedikt für sich im Berufsalltag zeitgemäß nutzen und wertorientiert handeln, erklärte der bekannte Benediktinermönch Pater Anselm Grün am 9. Juli den rund achtzig Teilnehmern des 22. Praxisseminar im Rahmen des PCC | Personal Competence Centers. Der spirituelle Berater zahlreicher Manager erläuterte in einem bewegenden Impulsvortrag, warum Werte das Leben und die Arbeitswelt wertvoller machen und welche Eigenschaften man als Führungskraft entwickeln muss, um seine Mitarbeiter wertschätzend und erfolgreich zu begleiten. Für Pater Anselm Grün ist Führung vor allem eine spirituelle Aufgabe, die sich in der Kreativität und Wertschätzung im Umgang mit Menschen zeigt. In der beeindruckenden Kulisse des Benediktinerklosters Abtei Neuburg bei Heidelberg nutzten die Fach- und Führungskräfte die Gelegenheit, ihre eigenen Wertmaßstäbe zu reflektieren und neue Impulse für eine wertorientierte Führung zu bekommen.

Werte sind Kraftquellen

Vor 1500 Jahren verfasste der Heilige Benedikt die Führungsgrundsätze für den Cellerar, den wirtschaftlichen Leiter eines Klosters. Auch heute sind diese Regeln noch gültig und richtungsweisend für eine nachhaltige und wertschätzende Führung. Denn die Grundsätze basieren auf den vier klassischen Grundwerten der griechischen Philosophie: Werte, die das Wesen des Menschen bedenken und ihm gerecht werden. „Werte entsprechen der Würde eines Menschen“, sagt Pater Anselm. „Das lateinische Wort für Wert „virtus“ meint, Werte sind Kraftquellen, aus denen man Kraft schöpfen kann, für das Miteinander, für die Firma.“ Eingestimmt durch eine Klosterführung zur Geschichte und dem heutigen Leben und Wirken der Mönche in der Abtei Neuburg, erfuhren die Teilnehmer von Pater Anselm, welche vier Kardinalstugenden aus den Regeln des Heiligen Benedikt auch heute noch Grundstein für ein fruchtbares Miteinander sind (cardo = Türangel; etwas gelingt, eine Tür geht auf).

Die vier klassischen Grundwerte - Inspiration und Wegweiser

Die Zukunft unserer Welt liegt darin, dass sie auf Werten gegründet ist und eben nicht nur auf rein finanziellen Werten, so Pater Anselm. Gemeint sind die abendländischen Grundwerte der griechischen Philosophen, vornehmlich Platon und Aristoteles, ergänzt durch die drei christlichen Grundwerte. „Das englische Wort für Wert, „value“, kommt von „valere“, aus dem Lateinischen, und das meint „gesund sein“, erläutert Pater Anselm. „Werte sind also Quellen der Gesundheit, wenn ich nach diesen Werten lebe, dann wird das Miteinander gesund, ein Land, eine Firma, ein soziales Gefüge.“

Gerechtigkeit
Der erste Grundwert ist für Platon die Gerechtigkeit. Gemeint ist dabei nicht in erster Linie soziale Gerechtigkeit oder Gesetzestreue, sondern sich selbst und anderen gerecht zu werden.
„Heute stecken sich viele in einem Korsett, das ihrem Wesen nicht gerecht wird.“, stellt Pater Anselm fest. „Dieses erste Spüren - wer ist der Mensch? - ist immens wichtig. Wie werde ich den Menschen, wie werde ich mir selbst gerecht, wie lebe ich richtig und aufrecht?“ Erst wenn der Mensch sich selbst gerecht wird, kann er anderen gerecht werden. Darin liegt der Grundstein für soziale Gerechtigkeit - der gerechten Güter- und Chancenverteilung, dem gerechten Lohn - die zu Frieden führt, Frieden in der Firma, in einem Land, in der Welt. Dieses Ringen um Gerechtigkeit ist ein Dienst an den Menschen, denn nur durch Gerechtigkeit wird Frieden entstehen.

Tapferkeit
Während wir bei Tapferkeit an Soldaten denken, verstehen die Griechen darunter eine Tugend der Philosophen. Tapferkeit heißt in dem Zusammenhang innere Freiheit. Gemeint ist der Mut, Verantwortung zu übernehmen und für das Leben und die eigenen Werte zu kämpfen, auch wenn man dabei verletzt werden könnte. Pater Anselm gab zu bedenken, dass wir uns passend zum Zeitalter des Populismus nur nach Zustimmungswerten, nach der allgemeinen Meinung richten und uns davon leiten lassen. Der französische Philosoph und Soziologe beklagt in dem Zusammenhang zwei große Tendenzen in unserer Gesellschaft: die Infantilisierung und die Viktimisierung. „Der Mensch der Zukunft ist ein Riesenbaby, mit Riesenansprüchen an die Gesellschaft, an die Firma, an die Politik“, so Pater Anselm. „Er ist aber nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen.“ Und wenn etwas nicht so funktioniert wie geplant, sind immer die Anderen schuld. Hier liegt die Gefahr für unsere Zukunft: Diese Haltung ist das Gegenteil von dem, was wir für eine wertvolles und fruchtbares Leben brauchen.
„Wir sind nicht nur verantwortlich dafür, wie wir führen, sondern auch dafür, wie wir uns führen lassen.
Pater Anselm Grün während seines Vortrags

Maß
Die dritte Tugend ist das Maß. Nach dem Heiligen Benedikt ist „die weise Mäßigung“ die größte Tugend. Sie ist das Gegenteil von Maßlosigkeit in jeglicher Hinsicht. Maßloses Wachstum von Unternehmen, maßloser Konsum und maßlose Ausbeute der Welt sind gefährlich. Aber genauso gefährlich ist die Maßlosigkeit sich selbst gegenüber. In unserer heutigen Welt gibt es den Anspruch, immer erfolgreich, immer perfekt und glücklich zu sein. Nicht von ungefähr nehmen Angstattacken und Depressionen immer mehr zu. Sie sind Ausdruck von Hilfeschreien der Seele, wenn der Mensch von der Maßlosigkeit der Ansprüche überfordert ist.
Maßlosigkeit soll jedoch nicht heißen, in Mittelmäßigkeit zu verfallen. Die Angst vor Überforderung darf nicht dazu führen, in Tatenlosigkeit zu verharren. „Was mein Maß ist erkenne ich erst, wenn ich über mein Maß hinaus gegangen bin“, sagt Pater Anselm. Um dem entgegen zu wirken ist es vorteilhaft, seinen eigenen Rhythmus zu finden. Dabei helfen Rituale: Sie schaffen eine heilige Zeit, über die man verfügen kann, eine Zeit, die nur einem selbst gehört. Rituale schließen eine Tür und machen es damit möglich, eine andere Tür zu öffnen. So empfiehlt Pater Anselm vielbeschäftigten Managern, den Arbeitsalltag durch en bestimmtes Ritual mental zu beschließen, um die Tür für das Privatleben und die Familie zu öffnen. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass klug gelebte Rituale leistungsfähiger machen und Identität schaffen. Das gilt ebenso für Rituale in Unternehmen, vom persönlichen Geburtstagsgeschenk für die Mitarbeiter wie das Feiern von Erfolgen am Ende der Woche.

Klugheit
Klugheit meint hier die Befähigung, eine Entscheidung zu treffen. Dabei ist es wichtig, vorausschauend zu handeln und die bestmögliche Entscheidung für diesen Augenblick in dieser Situation zu treffen. Denn man sollte sich bewusst sein, dass eine Entscheidung immer auch eine Begrenzung ist: Entscheide ich mich für das eine, entscheide ich mich damit gegen das andere. „Klug ist nur der, der den größeren Horizont hat.“, sagt Pater Anselm. „Wir brauchen eine Vision für unser Wirtschaften, für unsere Politik, dann können wir im Einzelfall auch klug entscheiden.“

Diese vier Grundhaltungen sind die Werte der Humanität. Auch wenn wir heute zum Teil andere Begrifflichkeiten haben, wie zum Beispiel Fairness statt Gerechtigkeit oder Zivilcourage für Tapferkeit, behalten sie doch ihre Gültigkeit und machen das Leben wertvoll.

Die christlichen Werte als Halt und für eine menschliche Haltung

Die christliche Tradition hat diesen vier Werten der Humanität des Menschen noch drei christliche Werte hinzugesellt und sie nennt sie göttliche Tugenden. Es sind der Glaube, die Liebe und die Hoffnung.

Der Glaube steht für das Vertrauen, in jedem einen guten Kern und den Menschen als Ganzes zu sehen. „Glaube ich an jemanden, so glaubt er auch an sich selbst.“, sagt Pater Anselm. Eine Kultur des Vertrauens gibt Motivation und Energie und braucht keine Kontrolle. Der Glaube drückt sich in der Sprache aus, die ein Mensch oder ein Unternehmen anwendet. Es gibt eine kalte Sprache, die einer wertenden Sprache gleichkommt. In einem Unternehmen mit einer kalten Sprache will niemand arbeiten, weil es dort an Wertschätzung fehlt. Demgegenüber gibt es die wärmende Sprache. Sie kommt von Herzen und lässt das Herz warm werden. „Die Menschen merken, wie man über sie spricht“, gibt Pater Anselm zu bedenken. „Sie hören es an der Sprache, was ich von ihnen denke.“ Daher ist es so wichtig, achtsam mit der Sprache umzugehen. Sie ist der Spiegel der Seele, die die Werte, an die wir glauben, transportiert.

Hoffnung meint eine positive Einstellung zum Leben. Damit ist nicht das positive Denken gemeint, das nur den Blick auf die gute Seite erlaubt und die Sicht auf das echte Leben verstellt. Eine solche Polarisierung ist kontraproduktiv: Kulturen, die dies betreiben, sind ungesund. In den USA steigen beispielsweise depressive Erkrankungen in den letzten Jahren erschreckend an. Sie sind Ausdruck eines Ungleichgewichts und ein Schrei der Seele. Hoffnung ist nicht gleichbedeutend mit Erwartung, die enttäuscht werden kann. Hoffnung kann warten und hat universellen Charakter.

Die Liebe ist der stärkste Wert und der eigentliche Kraftquell. Im beruflichen Umfeld ist dieser Wert mit Wohlwollen zu übersetzen, dem Willen, das Gute im Menschen zu sehen, gut mit Menschen umzugehen. Die Einstellung zum Menschen ist ausschlaggebend dafür, ob man eine Atmosphäre der positiven oder der negativen Energie schafft (Energiespender versus Energieräuber).

Führen ist eine spirituelle Aufgabe

Voraussetzung für gute Führung ist, mit sich selbst im Reinen zu sein. Eine gute Führungskraft hat die Verantwortung, eigene Emotionen zu reinigen. Sie lässt sich nicht anstecken von negativen Gefühlen, bleibt positiv und wohlwollend. Dies ist die Voraussetzung für Bewegung und Leistung. Das heißt nicht, dass eine Führungskraft keinen Ärger zeigen darf. „Ärger bedeutet, dass jemand meine Grenzen übertreten hat“, erklärt Pater Anselm. „Dann brauche ich Abstand.“ So vermeidet man, dass Ärger explodiert und nur noch die Scherben aufgesammelt werden können – die Beziehung ist erstmal kaputt. Eine gute Führungskraft kann ihren Ärger angemessen zeigen.

Führung ist eine beharrliche Aufgabe, die den ganzen Menschen fordert und die mit viel Weitblick über kleine Unzulänglichkeiten hinwegschaut zu Gunsten eines großen gemeinsamen Zieles. „Ich traue dem Bild vom Sauerteig“, gibt Pater Anselm den Teilnehmern mit auf den Weg. „Alles ändert sich langsam, aber stetig. Genauso so sollte eine gute Führungskraft denken und handeln, wenn sie Veränderungen anstoßen und ihre Mitarbeiter auf ihrem Weg begleiten will: Die Führungskraft gibt den Impuls, der wie der Sauerteig eine nachhaltige Veränderung von innen heraus ermöglicht.“ Mit diesem anschaulichen Bild über wertorientierte Führung entließ Pater Anselm die Teilnehmer in die Klostergaststätte, wo die vielen neuen Eindrücke und Gedanken in vielen Einzelgesprächen diskutiert und verarbeitet wurden.